Zum Hauptinhalt springen

Pädagogische Theaterwerkstatt Osnabrück führt Stück über sexuellen Missbrauch von Kindern auf

Created by Felix Quebbemann am in Kategorie: Kultur

»Ich war isoliert, ich hatte Angst. Ein ekeliges Gefühl am ganzen Körper.« In der Aula des Gymnasiums ist es still, während Schauspieler Reinhard Gesse die tiefen seelischen Abgründe eines Menschen darstellt, der die dunkelsten Seiten des Lebens kennengelernt hat.

Immer wieder verziehen sich die Gesichtszüge Gesses, der die Rolle von Kristian Ditlev Jensen spielt. Abzulesen ist pure Verzweiflung, Zorn, Selbstvorwürfe und auch Rache, die Kristian zu gerne an seinem Peiniger ausüben würde. Der Grund: sexueller Missbrauch eines Kindes. Mit diesem heiklen Thema, das oft tabuisiert wird, haben sich die Schüler des ersten Jahrgangs der Oberstufe am Söderblom gestern beschäftigt.

Hierzu hatte die Schule das Stück »Ich werde es sagen!« auf den Stundenplan gesetzt. Ein Theaterstück zu einem solch heiklen Thema ist nicht alltäglich. Das Werk, das von der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück aufgeführt wurde, hat sich dieses Themas in einer aufrüttelnden, herzzerreißenden, emotionalen und auch schockierenden Art und Weise angenommen, und so den Schülern vermittelt: »Man muss mich wehren, wenn es zu sexuellen Übergriffen Erwachsener an Kindern kommt.«

Grundlage des Stücks ist das Buch des dänischen Autors Kristian Ditlev Jensen, der in seinem autobiografischen Werk beschreibt, wie er als neunjähriger Junge drei Jahre lang von einem Erwachsenen, einem angeblichen Freund, sexuell missbraucht wurde. Das Osnabrücker Theater hat daraus ein Ein-Mann-Stück entwickelt, das auf unkonventionelle Art die Geschichte erzählt.

Viele Requisiten braucht Reinhard Gesse nicht, um die innere Zerrissenheit, die Scham, die Pein der Hauptperson dazustellen. Hier ein Stuhl, dort ein Blatt Papier, auf dem er schreibt, was sein Peiniger von ihm verlangt.

Reden? Das Reden über diese Situationen, dieses Verbrechen, fällt schwer. Vertraut man sich doch niemandem an, weil es einen einerseits mit Scham und Ekel erfüllt. Andererseits steht die Drohung des Peinigers, des 30-jährigen Gustav, der als normaler Bürger gilt, im Raum. »Wenn du es erzählst, bist du ein toter Mann, ein toter Junge.« Gustav ist ein »Experte in sozialer Tarnung«. Ein ehemaliger Student mit feinen Sitten, »dunklem, braunem, kräftigem Haar« und einem unschuldigen Blick. Schon bald entpuppt er sich als skrupelloses Ungeheuer. Der ehemalige Freund wird zum Peiniger des Jungen.

Gesse schreit und singt. Er verzweifelt und schmeißt Gegenstände auf die Bühne. Es gelingt dem Schauspieler, das Unverständnis über die Taten - insgesamt 83 Mal vergeht sich Gustav an dem jungen Kristian - und die Qualen der Hauptperson so realistisch darzustellen, dass der Besucher in der Aula mit dem neunjährigen Jungen, der sich nicht wehren kann, mitleidet.

Gesse zeigt auf der Bühne eine unglaubliche Präsenz. Mal spricht er wehleidig, wenn die Verzweiflung hochkommt. Mal schreit er seinen Schmerz heraus. Einige Schüler zucken bei der Stimmungsschwankung zusammen. Mehr als unterstützt wird dieser grandiose Monolog durch eine überragende Mimik des Darstellers und durch seine extrovertierten Gesten.

»Ich war ein Kind«, schreit der Schauspieler heraus, rennt auf der Bühne herum, versteckt sich hinter einem Stuhl. Verstecken vor sich, vor der Gesellschaft. Die Symbolik nahm an diesem Vormittag eine bedeutende Rolle ein. Wenige Minuten später steht er auf dem Stuhl. Er will aus seinem Körper, aus dem gepeinigten Körper, ausbrechen. Doch es gelingt nicht. »Er (Gustav, Anm. d. Red.) schaffte es, meine Psyche zu brechen«, klagt Gesse den Peiniger an. »Ich war zwölf und als es begann war ich neun«, spricht Gesse und verlässt nach etwa 70 aufrüttelnden, gefühlvollen und dramatischen Minuten die Bühne.

Viel Applaus hallt durch die Aula. Zurecht! In 70 Minuten hat die Theaterwerkstatt es verstanden, auf das heikle und häufig tabuisierte Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern nicht nur aufmerksam zu machen.
Die Werkstatt fordert mit dem Stück auf, diesem Verbrechen aktiv entgegenzutreten; die Peiniger zu entlarven und keine Angst davor zu haben, sich jemandem anzuvertrauen. Nur nicht schweigen! Ein wertvolles, notwendiges und aufklärendes Theaterprojekt, das unbedingt an vielen weiteren Schulen aufgeführt werden muss. Denn häufig genug bleibt der Missbrauch ungeahndet.

In Zusammenarbeit mit der Stiftung der Sparkasse Minden-Lübbecke und den Vereinen Mannigfaltig und Wildwasser wurde das Stück im Anschluss in kleinen Workshop-Gruppen von den Schülern weiter aufgearbeitet.

Espelkamper Zeitung vom 31.01.2013