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Zwischen Heimatverlust und Abitur im fremden Land

Erstellt von P. Leonhardt am in Kategorie: Pressemitteilungen

Vier Lebenswege und ein gemeinsames Ziel: Das Abitur am Söderblom-Gymnasium

Sie mussten ihre Heimat verlassen, eine neue Sprache lernen und sich in einem fremden Land ein neues Leben aufbauen. Nun halten sie gemeinsam das deutsche Abitur in den Händen: Sofiia Fetova, Nadiia Lebed, Oleksandr Volosnyk und Lugain Issa gehören zum Abiturjahrgang 2026 des Söderblom-Gymnasiums. Hinter ihren Zeugnissen stehen Geschichten von Krieg, Verlust, Mut und beeindruckender Entschlossenheit. 

Ihre Wege nach Deutschland begannen unter ganz unterschiedlichen Umständen und doch verbindet sie eine gemeinsame Erfahrung: Keiner von ihnen hatte geplant, seine Heimat zu verlassen. Patricia Leonhardt berichtet über die bewegenden Lebensgeschichten von vier jungen Menschen, die nach ihrer Flucht am Söderblom-Gymnasium ihren Weg bis zum Abitur gegangen sind. 

Lugain Issa wuchs in Damaskus auf. Lange hoffte ihre Familie, der Krieg in Syrien würde enden. Stattdessen folgten Jahre voller Bombardierungen und Unsicherheit. Über Nordsyrien führte ihr Weg schließlich in die Türkei und später nach Deutschland. Auch für die drei ukrainischen Abiturientinnen und Abiturienten veränderte der russische Angriffskrieg ihr Leben schlagartig. Sofiia Fetova musste ihre Heimatstadt Bilhorod-Dnistrowskyj verlassen, Nadiia Lebed ihre Heimatstadt Zuman im Nordwesten der Ukraine. Oleksandr Volosnyk erlebte den Kriegsbeginn in Charkiw unmittelbar mit. Als Bomben den nahegelegenen Flughafen trafen und später sogar seine Schule zerstört wurde, schickte ihn sein Vater gemeinsam mit seiner Schwester nach Deutschland. 

Vor Krieg und Flucht führten alle vier ein ganz normales Leben. Sie gingen zur Schule, pflegten Freundschaften und widmeten sich ihren Hobbys. Sofiia verbrachte zehn Jahre mit ihrer großen Leidenschaft, dem Tanzen, engagierte sich als Schülerin und nahm erfolgreich an Wettbewerben teil. Nadiia spielte Geige und verfolgte ehrgeizige Zukunftspläne. Lugain liebte Bücher, Sport und kreatives Arbeiten, während Oleksandr seine Freizeit mit Musik, Sport, Physik und Freunden verbrachte. Dass sie ihre vertraute Umgebung verlassen mussten, bedeutete für alle einen tiefen Einschnitt. 

In Deutschland begann für sie ein neuer Lebensabschnitt, der mit vielen Herausforderungen verbunden war. „Deutschland hat sich zunächst wie eine parallele Welt angefühlt, die der Krieg nicht betrifft.“, bemerkt Nadiia. Besonders die Sprache stellte zunächst eine große Hürde dar. Den Zustand des Krieges in der eigenen Heimat zu akzeptieren, fiel besonders schwer. „Eine Zeit lang habe ich mich sogar geweigert zu sprechen, weder Deutsch noch Englisch, obwohl ich beides schon konnte.“, erinnert sich Sofiia. Alle vier entwickelten ihren eigenen Weg, Deutsch zu lernen: durch DaZ-Unterricht, Bücher, Vokabeltraining, Internetseiten oder vor allem durch den täglichen Kontakt mit Mitschülerinnen und Mitschülern. Gleichzeitig mussten sie sich in einem neuen Schulsystem zurechtfinden und das Erlebte verarbeiten. 

Am Söderblom-Gymnasium wurden ihre ersten Erfahrungen unterschiedlich erlebt. Während Lugain ihren ersten Schultag als die Erfüllung eines lang gehegten Traums beschreibt und Sofiia herzlich aufgenommen wurde, empfand Oleksandr den Einstieg zunächst als schwierig und einsam. Er hatte mit Ablehnung und Anfeindungen zu kämpfen. Dennoch berichten alle vier übereinstimmend, wie wichtig einzelne Lehrkräfte für ihren Weg waren. Besonders häufig fällt dabei der Name von DaZ-Lehrerin Frau Schoof, die sie nicht nur sprachlich unterstützte, sondern ihnen auch Orientierung und Vertrauen gab. „Diese Lehrerin ist eine Heldin für mich. Sie war die Einzige, die mir zu Beginn Freundlichkeit zeigte. Außerdem hat sie mir Deutsch mit großer Ausdauer beigebracht.“, lobt Oleksandr. Ebenso werden weitere Lehrkräfte genannt, die ihnen den Einstieg erleichterten und ihnen das Gefühl vermittelten, dazuzugehören. Dabei leisteten die Lehrkräfte nicht nur moralischen Beistand, sondern unterstützten auch fachlich in besonderem Maße. „Man konnte mich endlich überzeugen, dass ich kein Fremder mehr in diesem Land bin.“, so Oleksandr. 

Auch Mitschülerinnen und Mitschüler spielten eine wichtige Rolle. Freundschaften entstanden oft Schritt für Schritt. Sofiia und Nadiia unterstützten sich gegenseitig in den ersten Monaten, Lugain fand schnell Anschluss in ihrer Jahrgangsstufe, und gemeinsame Erlebnisse wie Klassen- und Stufenfahrten, die EF-Tagung oder die Mottowoche schufen Erinnerungen, die weit über den Unterricht hinausreichen. 

Dabei lernten sie nicht nur eine neue Sprache, sondern auch ein anderes Bildungssystem kennen. Die Möglichkeit, Kurse selbst zu wählen, die stärkere Gruppenarbeit oder die offene Gestaltung des Schullebens beeindruckten sie ebenso wie die zahlreichen Chancen, sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig fiel ihnen auf, wie unterschiedlich Unterricht in ihren Herkunftsländern und in Deutschland aufgebaut ist, etwa der stärkere Fokus auf Auswendiglernen in der Ukraine oder andere Unterrichtsformen in Syrien. 

Mit dem Abitur endet nun ein Lebensabschnitt, der für die vier weit mehr bedeutet als einen Schulabschluss. Es ist der sichtbare Beweis dafür, dass sie trotz Krieg, Flucht und Neuanfang ihre Ziele erreicht haben. Besonders stolz sind sie darauf, nicht aufgegeben zu haben und persönlich an den Herausforderungen gewachsen zu sein.  

Nun beginnen neue Kapitel. Sofiia zieht nach Münster und startet eine duale Ausbildung. Nadiia wird dual Maschinenbau studieren. Lugain interessiert sich für ein Studium im Bauingenieurwesen oder der Pharmazie. Oleksandr möchte ebenfalls studieren und blickt seiner Zukunft mit Zuversicht, aber auch mit Respekt und Ungewissheit entgegen. Für ihn erscheint das Abitur als eine Hürde von vielen.  

Die vergangenen Jahre haben sie geprägt. Alle vier sprechen davon, wie wichtig Durchhaltevermögen, Geduld und der Glaube an sich selbst geworden sind. Heimat verstehen sie heute nicht mehr ausschließlich als einen Ort. Vielmehr verbinden sie Heimat mit Menschen, Erinnerungen und dem Gefühl von Zugehörigkeit, auch wenn dieses Gefühl sich verändern kann. 

Ihre Botschaften an andere junge Menschen, die ebenfalls fliehen mussten, ähneln sich erstaunlich: Nicht aufgeben, auch kleine Schritte zählen, offen bleiben und sich ein neues Umfeld aufbauen. Fremdheit könne mit der Zeit zu Vertrautheit werden, wenn man den Mut habe, weiterzugehen. Gleichzeitig erinnern die Vier daran, wie wichtig Offenheit, Geduld und Menschlichkeit auf beiden Seiten sind. Wer Menschen aufnimmt, die ihre Heimat verloren haben, kann mit Verständnis und Zeit dazu beitragen, dass aus einem fremden Ort ein neues Zuhause wird. 

Das Söderblom-Gymnasium bot außerdem verschiedene unterstützende Maßnahmen für die ukrainischen Schülerinnen und Schüler an. Neben einer Traumatherapeutin mit wöchentlich offenen Sprechstunden (unterstützt vom Förderverein und der Stadt Espelkamp) bot die Schule auch ein musikalisches Angebot mit dem ukrainischen Chor zur Stärkung der kulturellen Identität. Mit der Zertifizierung des Söderblom als DSD-Schule wurde den ukrainischen Schülerinnen und Schülern auch die Möglichkeit, die B1-Sprachprüfung abzulegen, angeboten. Besonders die Möglichkeit der Sprachprüfung hat sich als sehr motivierend für die Schülerschaft erwiesen hat. 

Mit ihrem Abitur am Söderblom-Gymnasium haben Sofiia Fetova, Nadiia Lebed, Oleksandr Volosnyk und Lugain Issa nicht nur einen bedeutenden Bildungsabschluss erreicht. Sie stehen auch stellvertretend für viele junge Menschen, die ihre Heimat unfreiwillig verlassen mussten, denen der Anfang nicht immer leicht fiel und dennoch den Mut gefunden haben, in einem neuen Land Zukunft zu gestalten. Lugain schlussfolgert: „Deutschland ist für mich zur neuen Heimat geworden.“