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Zehn Jahre Projekt "Drittes Reich" am Söderblom-Gymnasium

Created by Elisabeth Müller-Prunsche am in Kategorie: Kultur

Für der diesjährige Projektwoche ergab sich zum ersten Mal die Gelegenheit, eine Lesung in den Ablauf aufzunehmen: Der Münsteraner Jugendbuchautor Dirk Reinhardt las den versammelten 9. Klassen aus seinem Buch „Edelweißpiraten"(2012 bei Ueberreuther erschienen) vor.

Dazu erläuterte er seinen jungen Zuhörern zunächst einmal, wer die Edelweißpiraten überhaupt waren, denn sowohl Geschichtsinteressierte wie die Geschichtswissenschaft selbst nahmen erst sehr spät Kenntnis von diesen jugendlichen Widerstandskämpfern im Dritten Reich. Es handelte sich nämlich „nur“ um Jugendliche aus der Arbeiterschaft, die mit 14 Jahren aus der Schule entlassen, normalerweise sofort in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurden, und in ihrer geringen Freizeit durch den HJ-Drill für die Wehrmacht vorbereitet wurden. Aber an Rhein und Ruhr, insbesondere in Köln verbreitet, gab es Gruppierungen von Jugendlichen, die sich ihre Freiheit und Selbstbestimmung erhalten wollten.

Sie waren anfangs nicht politisch organisiert, aber aus persönlicher Feindschaft zu HJ-Führern, die die Arbeiterjungen drangsalierten, entwickelte sich nach und nach politisches Bewusstsein: Die jungen Leute organisierten zum Beispiel heimliche Flugblattaktionen gegen die Nazis, schrieben Parolen an Hauswände, brachten Nachschubzüge zum Entgleisen; einzelne bewaffneten sich auch gegen ihre Verfolger, so dass sie nicht nur ins Visier der Kriminalpolizei und der SS gerieten, sondern auch von der Gestapo verfolgt wurden. Wenn sie erwischt wurden, sie Prügel und Folter widerstanden, kamen einige in Jugend-KZs, andere wurden auch hingerichtet.

Der Hintergrund von Reinhardts Buch ist authentisch, die Personen ausgedacht, doch an historisch verbürgte Erlebnisse von Edelweißpiraten angelehnt. Es handelt sich um einen Tagebuchroman mit zwei Zeitebenen: In der Gegenwart übergibt der Ich-Erzähler als alter Mann einem Jungen, in dem er den Enkel seines einstigen Kameraden erkennt, sein Tagebuch, in dem er seinen damaligen Werdegang als Edelweißpirat erzählt.

Der Autor las den Schülern den Abschnitt vor, in dem der Ich-Erzähler sich der HJ zu entwinden sucht und auf eine Gruppe Jugendlicher stößt, die sich nicht an Regeln halten, zum Beispiel Ausgehverbote überschreiten. Sie testen eine Haltung gegenüber der HJ und nach einer Mutprobe darf er Mitglied bei den Edelweißpiraten werden. Der Fortgang der Handlung blieb bei der Lesung natürlich ausgespart, denn wie damalige Jugendliche durch ihren Zusammenhalt und unter Lebensrisiko sich dem NS-Regime widersetzten, ist nicht nur eine heutige Jugendliche berührende Geschichte, sondern auch ein Leseanreiz, der Spannung verspricht.

Die Schüler und Schülerinnen folgten dem Vortrag mit großem Interesse, handelte es sich bei den Protagonisten doch um Leute ihres Alters, aber mit einem ungleich schwereren Leben. Wie der Autor gerade dazu komme, über aufständische Jugendliche zu schreiben und nicht über bekanntere Widerstandskämpfer, wie z. B. Graf von Stauffenberg, wollten sie im anschließenden Gespräch von ihm wissen und auch wie lange er für sein Thema  habe recherchieren müssen. Dazu erläuterte Reinhardt, dass er in seinem Geschichtsstudium (der Autor ist 1963 geboren) noch nichts über die Edelweißpiraten erfahren habe, dass sie wohl in Köln seit den 80er Jahren bekannt seien, ein Theaterstück über sie veröffentlicht wurde, aber über diesen Raum hinaus nicht, so dass er durch Zeitzeugenbefragung ungefähr ein Jahr an seinem Buch gearbeitet habe.

Zum Abschluss zeigte der Autor seinen Zuhörern noch einige beeindruckende Bilder. Die Edelweißpiraten selbst ließen sich aus Sicherheitsgründen kaum fotografieren, sie arbeiteten auch immer mit Decknamen, doch den Galgen zu sehen, an den Fahnflüchtige und auch Edelweißpiraten auf offener Straße, ohne vorher vor Gericht gestanden zu haben, gehängt wurden, oder auch das Gestapo-Gefängnis, wo an der Wand noch ein Spruch von einem Edelweißpiraten eingeritzt ist, gab den Schülern und Schülerinnen sehr zu denken. 

Eigener Bericht vom 20. Februar 2012

Siehe auch: Homepage von Dirk Reinhardt