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Spannendes Filmseminar „Hitlerjunge Quex“

In dem jetzt zu Ende gegangenen Schuljahr war den Schülerinnen und Schülern coronabedingt nicht allzu viel Besonderes vergönnt – keine Kurs- und Klassenfahrten, kaum echte Wandertage, praktisch keine außerschulischen Veranstaltungen. Umso erfreulicher deshalb, dass es kurzfristig gelungen war, ein ganz besonderes Filmprojekt des Instituts für Kino und Filmkultur (IKF) in Kooperation mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung aus Wiesbaden nach Espelkamp zu holen.

Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, gegründet 1966, bewahrt einen bedeutenden Teil des nationalen Filmerbes in Deutschland. Sie archiviert, restauriert und rekonstruiert Filme, engagiert sich aber darüber hinaus in der filmischen und politischen Bildungsarbeit. Dazu gehört die Durchführung von Filmseminaren z. B. zu indizierten NS-Filmen sowie die Finanzierung der Referenten.

Kurzfristig hatte sich auch Karl-Heinz Meyer, Betreiber des Elite-Kinos in Espelkamp, bereit erklärt, die Veranstaltungen an zwei Tagen in seinem Kino stattfinden zu lassen. Der Förderverein des Söderblom-Gymnasiums unterstützte den Kinobesuch mit einer großzügigen Beteiligung an den Eintrittskosten.

So konnten in diesen letzten Schultagen alle fünf neunten Klassen an zwei Terminen den NS-Propagandafilm „Hitlerjunge Quex“ im Elite-Kino Espelkamp sehen – unter fachkundiger Vor- und Nachbereitung des Filmkritikers und Medienpädagogen Michael Kleinschmidt vom IFK. Denn dieser Film steht unter Vorbehalt und darf nur innerhalb eines Seminars, also mit Begleitung durch einen Referenten, gezeigt werden. Hinter dem 1933 gedrehten Film stand die Absicht, möglichst viele Jugendliche für Hitlerjugend bzw. Bund deutscher Mädel zu gewinnen – damals mit großem Erfolg.

Der Film erzählt die Geschichte des 15jährigen Heini Völker aus Berlin, der sich angezogen durch die „heile Welt“ der Hitlerjugend in ihren Uniformen, mit Lagerfeuern am See, Kameradschaft und Fürsorge von seinen eher chaotisch dargestellten kommunistischen Freunden abwendet und alles daran setzt, in die HJ aufgenommen zu werden. Seine früheren Freunde sehen darin Verrat, doch Heini lässt sich nicht beirren und bezahlt seinen „Mut“ am Ende mit dem Leben.

Angesichts dieser für Jugendliche durchaus anrührenden „Filmgeschichte“ erscheint es umso wichtiger, dass es eine gute Einführung und Nachbesprechung gibt. So machte Michael Kleinschmidt den Schülerinnen und Schülern schon vorweg klar, dass bei diesem Film nichts dem Zufall überlassen wurde: jede Szene, jede Figur hatte ihre Funktion, um Jugendliche für die NS-Ideologie zu gewinnen. Und er stellte drei Aufgaben, worauf sie achten sollten: „Welcher der drei erwachsenen Hauptfiguren vom Anfang ist am Ende selbst ein Nazi? Wie entscheidet sich Heini Völker für die HJ und warum? Und: achtet auf die Filmmusik!“ Die besteht nämlich fast nur aus dem Lied „Unsere Fahne flattert uns voran“, mal gesungen, mal nur als Melodie, mal in Dur, mal in Moll, aber immer nur das eine Motiv.

Auf diese Aspekte ging Michael Kleinschmidt nach der Filmschau und einer kurzen Pause dann verstärkt ein – als Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern. Er fragte sie nach ihren Erinnerungen und Wahrnehmungen, arbeitete mit ihnen heraus, wie geschickt der Regisseur die „Welten“ von Kommunisten (ungeordnet, planlos, unzuverlässig, bereit zu Gewalt und sogar Mord) und Nazis (Ordnung, Uniformen, Sauberkeit und Wohlstand, genug zu essen, klare Ziele und Strukturen, Gemeinsinn) einander gegenüberstellte und so die Entscheidung Heinis für die HJ plausibel machte. Es kam heraus, dass Heinis Vater am Ende selbst überzeugt wurde von „unserem Deutschland“. Und dass die Musik das verbindende Glied war, Text und Melodie sich einprägten (Marschrhythmus), wenn man sie immer wieder hörte. So fesselnd und interessant vermochte Michael Kleinschmidt dieses „Filmseminar“ zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler bis zum Ende gespannt und aufmerksam bei der Sache waren.

Entsprechend positiv fiel die Resonanz aus. Ausnahmslos alle Schülerinnen und Schüler fanden das Kinoprojekt beeindruckend und notwendig. So könne man doch erkennen, wie Jugendliche manipuliert wurden, meinte eine Schülerin, und eine andere ergänzte: „ Man sollte nicht leichtsinnig denken, uns kann das nicht passieren.“ Der Film habe die Möglichkeit geboten, sich in die Situation damals hineinzuversetzen. „Ich hätte mitgemacht“, meinte ein Schüler. Umso wichtiger sei die Filmanalyse im Anschluss gewesen, das fanden alle richtig gut und unverzichtbar. Und auch die Kinoatmosphäre habe dazu beigetragen. „In einem Klassenraum wäre das so nicht rübergekommen.“

Für den kommenden September ist ein weiteres Filmseminar geplant, diesmal für die Oberstufe Nach den Erfahrungen mit der Veranstaltung jetzt dürfte es erneut ein Highlight werden.