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Schocktherapie für Fahranfänger

Created by Elisabeth Müller-Prunsche am in Kategorie: Erziehung

Espelkamp (nw). „Heftig!“ – „Furchtbar!“ – „Das ging voll unter die Haut.“ – „Absolut schockierend!“ So oder ähnlich reagierten die meisten Schüler auf die Frage, wie sie die Veranstaltung „Crash Kurs NRW – Realität erfahren. Echt hart.“ denn erlebt hätten. Die tiefe Betroffenheit über das zuvor Gehörte und Gesehene war manch einem Jugendlichen auch Stunden später noch anzumerken.

Während der Crash-Kurs-Veranstaltung berichten Angehörige der Polizei und Feuerwehr sowie Notärzte und Notfallseelsorger als direkt Betroffene über die Ursachen und oft schrecklichen Folgen schwerer Verkehrsunfälle der Region. Gerade dies wurde als besonders eindringlich wahrgenommen: es waren Unfälle aus der direkten Umgebung. „Das ist ganz seltsam, wenn man die Straßenecke kennt oder den Ort, wo so ein Unfall passiert ist.“

Manche hatten die Opfer gekannt, das war mitunter schwer auszuhalten. Die Bilder waren entsetzlich, doch die persönlich geschilderten Eindrücke der Ersthelfer vor Ort gingen noch mehr unter die Haut. „Das war sehr bewegend, wie Helfer, vor allem auch Freiwillige, damit umgehen,“ meinte eine Schülerin, „wenn da jemand berichtet hat, wie das war, wenn einer in seinen Armen stirbt, und ihm versagt beim Erzählen die Stimme, das nimmt einen richtig mit.“ Einige weinten oder verließen zeitweilig die Aula, tief emotional betroffen war wohl jeder.

Ist die Konfrontation junger Menschen mit schweren Unfällen, deren – oft jugendliche – Opfer sie selbst mitunter gekannt hatten, überhaupt zu verantworten? Davon sind die Veranstalter überzeugt. Es sind vielfach jugendliche Verkehrsteilnehmer, häufig Fahranfänger, die überproportional oft an schweren Verkehrsunfällen mit Todesfolge oder schwersten Verletzungen beteiligt sind. Es sind Alkohol, Drogen, Raserei, Nicht-Anschnallen, die zu den häufigsten Ursachen gehören. Einfach nur appellieren bringe in der Regel nichts. Deshalb soll die Veranstaltung Jugendliche direkt betroffen machen, durch Fälle vor Ort, Helfer vor Ort, Opfer vor Ort. Und dieses Konzept zeige Wirkung. „Ich dachte immer, mir kann das nicht passieren, jetzt kam es mir sehr nah vor“, sagte eine Schülerin. Ein Mitschüler ergänzte: „Diese Bilder gehen einem so schnell nicht aus dem Kopf, das ist anders als einfach nur einen Film zu sehen.“

Rund 300 Schüler der Jahrgangsstufen 12 und Q1 des Söderblom-Gymnasiums nahmen an der zweistündigen Veranstaltung teil, die unter Mitwirkung des Polizeioberkommissars Holger Kruse, des Feuerwehrmannes Uwe Jeron (beide Espelkamp), des Notarztes Markus Fisahn vom Krankenhaus Lübbecke und des Notfallseelsorgers Michael Waterböhr vom Krankenhaus Rahden durchgeführt wurde. Polizeioberkommissar Klaus Torno ergänzte als Moderator das Team.

Die Reaktion auf die Frage, ob diese Veranstaltung sinnvoll sei, war einmütig: nicht einer, der dies verneinte. Auf schnelles Fahren – wo es erlaubt ist –, wollen viele nicht verzichten, aber bewusster darauf achten, nicht alkoholisiert zu fahren oder als Beifahrer an die Vernunft des Fahrers appellieren, nicht zu rasen, sich anzuschnallen, das nehmen sie alle sich vor, auch weil die Bilder und Eindrücke so nachhaltig sind. Bleibt zu hoffen, dass diese Vorsätze lange Bestand haben.

© 2012 Neue Westfälische
Freitag 02. März 2012