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Marina Etzhold, Kinder- und Jugendtherapeutin (3. von links) und die Erzieherin (und Übersetzerin) Irina Kramer (ganz rechts), im Gespräch mit den DAZ-Lehrerinnen des Söderblom-Gymnasiums. Foto: P. Leonhardt

Neues Psychotherapie-Angebot für ukrainische Schülerinnen und Schüler am Söderblom-Gymnasium

Seit Beginn des Schuljahres erhält das Söderblom-Gymnasium für seine aktuell rund 40 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine professionelle psychotherapeutische Unterstützung.

Darya (Name geändert) kommt mit ihrer Freundin aus dem Beratungszimmer. Sie hat sich beruhigt, aber ihren Augen sieht man an, dass sie geweint hat. Am Morgen musste ihr Vater nach einigen Wochen bei der Familie wieder zurück in die Ukraine. Wann es ein Wiedersehen gibt, ist ungewiss. Gut, dass heute die Psychotherapeutin in der Schule ist, da konnte Darya gleich ein wenig aufgefangen werden.

Seit Beginn des Schuljahres erhält das Söderblom-Gymnasium für seine aktuell rund 40 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine professionelle psychotherapeutische Unterstützung. Jeden Donnerstag steht Marina Etzhold einen Vormittag lang den Kindern und Jugendlichen je nach Bedarf für Gespräche zur Verfügung. Hier haben sie die Möglichkeit, über ihre besonderen Sorgen, Ängste und traumatischen Erfahrungen im Zusammenhang mit Flucht, Kriegserlebnissen und den Herausforderungen des Alltags in Deutschland zu sprechen.

Marina Etzhold ist Kinder- und Jugendtherapeutin und arbeitet in der Fachstelle „Trauma und Flucht“ in Bielefeld, einem Kooperationsprojekt von Arbeiterwohlfahrt und Diakonie. Neben  Ressourcenaktivierung und Imaginationsübungen werden Skills eingeübt, also Fertigkeiten, die helfen können, schwierige Gefühlslagen oder Anspannungszustände zu regulieren. Bisher lag ihr Schwerpunkt bei der Arbeit mit jungen Geflüchteten aus Afrika und Afghanistan; die Betreuung ukrainischer Kinder und Jugendlicher ist neu für sie. Von Vorteil ist, dass sie etwas Russisch kann, allerdings nach eigenen Angaben nur „gebrochen“.

Deshalb steht ihr als Dolmetscherin die Erzieherin Irina Kramer zur Seite. Sie arbeitet im katholischen Kinderhaus St. Marien in Espelkamp und ist zwar keine gelernte Übersetzerin, aber für die Kinder ist es wichtig, „dass einer ihre Sprache spricht“; dann öffnen sie sich leichter.

Und es gibt vieles, was die ukrainischen Schülerinnen und Schüler belastet. Sie vermissen ihre Heimat, das steht ganz oben, sie haben „Heimweh nach dem Heim“, wie es Marina Etzhold formuliert, nach Familie und Freunden, die noch dort sind, aber auch nach dem Leben dort. Hobbys mussten aufgegeben, Haustiere zurückgelassen werden. Dazu kommen traumatische Erlebnisse wie Bomben, Zerstörungen, Konfrontation mit dem Tod. Viele sind froh, erst einmal hier zu sein, in Sicherheit, aber das Heimweh bleibt, auch wenn Kontakte so weit wie möglich aufrecht erhalten werden.

Kaum weniger belastend ist die Situation hier in Deutschland, vor allen Dingen die unsichere Perspektive. „Ein Teil möchte hier bleiben, andere wollen zurück – das hat sich seit Februar kaum verändert,“, meint Marina Etzhold. Diese Ungewissheit und Unsicherheit treibt viele Familien um. Die meisten Kinder und Jugendlichen sind ohne Väter hier, mit ihren Müttern, manchmal Großeltern, mitunter auch ohne erwachsene Begleitung. Nur bei sehr kinderreichen Familien dürfen Väter mitkommen, gehen aber oft später wieder zurück oder sind nur vorübergehend mal da. Oft sind auch ältere Brüder in der Ukraine zurückgeblieben bzw. im Krieg. Die „Wut auf Putin“ wird ganz oft geäußert, stellvertretend auch gegen alle Russen. Das wirkt sich jedoch nicht auf das russischsprachige Umfeld in Espelkamp aus, im Gegenteil. „Alle Ukrainer, die ich kennengelernt habe, sprechen russisch, sie freuen sich eher, dass sie russisch kommunizieren können“, meint Irina Kramer. „Das macht die Begleitung und Unterstützung von Ukrainern einfacher und unkomplizierter.“ Das Problem seien eher Kontakte zu deutschsprachigen Jugendlichen, denn da wirkt sich die Sprachbarriere oft nachteilig aus. „Ukrainer sind jetzt Auswanderer mit allen Problemen, die dazugehören.“

Auch die Situation an der Schule wird überschattet durch die ungeklärte Perspektive der Familien, denn davon hängt ab, wie weit sich Schülerinnen und Schüler auf die Sprache und die Lerninhalte hier einlassen. „Viele Jugendliche würden gerne mehr darüber wissen, was sie nach der Schule hier machen können, welche beruflichen Möglichkeiten es gibt,“, sagt Marina Etzhold, auch wenn die Zukunft völlig offen sei. Wie auch Irina Kramer empfindet sie die Arbeit mit den ukrainischen Kindern und Jugendlichen als „bereichernd“.

Ohne die finanzielle Unterstützung der Stadt Espelkamp wäre das therapeutische Angebot nicht realisierbar gewesen, und auch für den Förderverein war es selbstverständlich finanziell zu helfen. Von städtischer Seite stammt das Geld für die Therapeutin und die Dolmetscherin aus dem Topf „Ukrainehilfe“, der an sich nicht für schulische Zwecke bestimmt ist, sondern allgemein der Integration der ukrainischen Flüchtlinge dienen soll. Doch genau dazu leistet die Therapie einen Beitrag: sie stärkt die Kinder und Jugendlichen und damit auch die Familiensysteme; dazu kommt, dass auch Eltern die Sprechstunde offen steht und sie diese inzwischen vermehrt nutzen. Das hat auch Bürgermeister Henning Vieker und Schulamtsleiter Andreas Bredenkötter überzeugt, hier den Zweck der Ukrainehilfe erfüllt zu sehen. Das Söderblom-Gymnasium ist dankbar für dieses so wichtige Hilfsangebot.