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Im Originalwortlaut präsentierten Bernd Surholt (links) als Adolf Eichmann und Harald Schandry als Verhöroffizier Avner Less Szenen aus den Verhörmitschnitten, die insgesamt 275 Stunden umfassen. Foto Detlef Kaiser
Adolf Eichmann 1942 (Internet; Wikipedia)

Szenische Lesung zu Adolf Eichmann am Söderblom-Gymnasium

In den vergangenen Wochen haben die Menschen weltweit der Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren gedacht. Bis Ende Januar 1945 wurden über eine Million Menschen, die meisten davon Juden, allein dort ermordet. Insgesamt rund sechs Millionen Juden vorwiegend aus Osteuropa sind dem Vernichtungswahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen – ein beispielloser Zivilisationsbruch in der Geschichte.

Als Hauptverantwortlicher für die Organisation des Holocaust gilt SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der Inbegriff eines Schreibtischtäters. Er war die zentrale Figur für die Verfolgung, Vertreibung und schließlich Ermordung der europäischen Juden. Fünf Jahre nach Kriegsende gelang der Familie die Flucht nach Argentinien, wo die Eichmanns unter ihrem richtigen Namen unbehelligt lebten. 1960 wurde Eichmann vom israelischen Geheimdienst Mossad aufgespürt und nach Israel entführt, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Er wurde zum Tode verurteilt und zwei Jahre später hingerichtet.

Was für ein Mensch war Adolf Eichmann? Ein Sadist? Ein skrupelloser Karrierist? Oder doch nur ein Befehlsempfänger, der seine Pflicht erfüllte, weil er keine andere Wahl hatte? War er somit sogar ein Opfer?

Diesen Fragen geht die szenische Lesung nach, die Bernd Surholt und Harald Schandry vom Ensemble der hannoverschen kammerspiele jetzt der Jahrgangsstufe Q2 in der Aula des Söderblom-Gymnasiums präsentierten. Sie stellten dabei Gespräche nach, die Avner Less, ein gebürtiger Berliner und einziger Holocaust-Überlebender seiner Familie, im Rahmen des Verhörs in Israel mit Eichmann führte. Aus den mitgeschnittenen Verhörprotokollen wurden Originalaussagen verwendet und durch tagespolitische Bezüge der NS-Zeit ergänzt.

„Ich habe nie einen Juden getötet, auch keinen Nicht-Juden, ich habe überhaupt keinen Menschen getötet, nie!“ – wie ein Mantra beteuerte Eichmann immer wieder, dass er „nie eine Weisung zum Töten gegeben“ habe. Dabei war er als Protokollant bei der Wannsee-Konferenz dabei, wo die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde. Er war in Minsk („da war ich froh, dass die Erschießung fast durch war“) und in Lodz, wo er sah, wie Leichen in eine Grube geworfen wurden („ da war ich bedient, da war ich fertig“). In Auschwitz wurde ihm schlecht angesichts des beißenden Geruchs nach verbrannten Leichen. „Arzt hätte ich nicht werden dürfen“ – er konnte kein Blut sehen. Seine Aufgabe sei nur die „Evakuierung“ gewesen, also die Deportation der Juden in die Vernichtungslager; was die Deportierten am Zielort erwartete, habe nicht in seiner Verantwortung gestanden. Er habe nur „reinen Gewissens und gläubigen Herzens“ seine ihm befohlene Pflicht getan. Keine Reue, keine Einsicht in persönliche Schuld.

In der anschließenden Diskussion wurden zusätzliche Hintergrundinformationen vermittelt, die Adolf Eichmanns Aussagen noch verstörender wirken lassen. Er war „nur“ für die Deportation zuständig – manchmal dauerte die Fahrt drei, vier Tage, in Viehwaggons zusammengepfercht standen die Menschen bei sengender Hitze oder eisiger Kälte mit einem Eimer Schmutzwasser und einem leeren Eimer für die Notdurft, das überlebten viele schon nicht. Eichmann wusste genau, was die Deportierten erwartete, über die Tötungsmaschinerie in Treblinka oder Auschwitz war er bestens informiert. Auch über die erzwungene Verwendung der Asche als Dünger oder Asphaltbeimischung. 1957 schrieb er über das Kriegsende: „Hätten wir noch einige Monate länger Zeit gehabt, hätten wir den jüdischen Hauptfeind eliminiert.“

Am Ende der Veranstaltung herrschte ziemliche Stille in der Aula. Es gab wohl kaum jemanden, den diese Veranstaltung nicht berührt hätte – trotz allem, was im Unterricht schon über den Holocaust thematisiert wurde. Die erschreckende Normalität des Täters und sein völliges Unverständnis darüber, sich schuldig gemacht zu haben – das macht sprachlos und betroffen. Bleibt zu hoffen, dass diese Eindrücke die Jugendlichen nachhaltig prägen und sie sich ihr Gewissen und ihren Sinn für Menschlichkeit bewahren.

Ein Artikel ist in der EZ vom 24.2.2020 nachzulesen.