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Wer ein Gedicht schreibt, entblößt sich

Reiner Kunze las am Söderblom-Gymnasium

 

Eine Sternstunde durften Schüler und Schülerinnen der Jahrgangsstufe 11 und einige beteiligte Lehrer/innen am 13. 4.  mit der Lesung des bekannten Lyrikers und Prosaisten Reiner Kunze erleben. Den teilnehmenden Lehrern/innen nahm der Lyriker als erstes die Sorge ab, dass er durch einseitiges Rezitieren von Gedichten,  die Schüler/innen überfordern oder gar langweilen könne,  denn er selbst lasse sich nur ungern langweilen und das Leben sei viel zu kurz, als dass man sich langweilen dürfe. Im Übrigen fühle er sich an der Situation unschuldig und wolle gern das Gespräch in den Mittelpunkt seiner Veranstaltung rücken. Dass dies dann doch nur den kleineren Teil der Lesung ausmachte, wirkte sich  keineswegs nachteilig aus.
   Was es heißt Gedichte zu verfassen, erläuterte Kunze einleitend  anhand eines Erlebnisses aus seiner Schulzeit ö Ähnliches spielt sich heutzutage in Schulklassen auch noch so ab ö und stimmte damit seine Zuhörer/innen auf das Kommende ein: Mitschüler hatten einem körperbehinderten jungen Mann ein Liebesgedicht entwendet und ihn damit vor der Klasse lächerlich gemacht. Der spätere Schriftsteller Kunze hat diese Bloßstellung seines ehemaligen Klassenkameraden nie vergessen , sie hätte auch zum Selbstmord seines ehemaligen Mitschülers  führen können, kommentierte er, denn ³wer ein Gedicht schreibt, entblößt sich³.
   Diese Überzeugung Kunzes steht für die ihm eigene übergroße Sensibilität, die in allen Phasen der Veranstaltung deutlich wurde. Sie stellte auch  die Überleitung zum ersten Block der Veranstaltung dar, der zur Überraschung der Zuhörer/innen mit dem Anschreiben von vier Zeilen in tschechischer Sprache begann: Ein Gedicht von Jan Skácel, dessen Werk Reiner Kunze seit Jahrzehnten ins Deutsche übersetzt. Der Autor übertrug den Text zunächst wortwörtlich ins Deutsche und gestand dann ein, dass er bis heute  keine Fassung gefunden habe, die ihn zufrieden stelle. Dieses Problem nahm er als Anlass den Schüler/innen zu zeigen, was ein Gedicht ausmacht. Im Gespräch mit ihnen erarbeitete er das zentrale Bild  vom ³barfuß sein im Herzen³, der ³Königszeile³ , die das gesamte übrige Gedicht bestimme. Er schilderte dazu,  was für ein wunderschöner Augenblick es für ihn gewesen sei, als er diese Zeile Skácels zum ersten Mal gelesen habe. Sie stelle eine außerordentliche Verletzlichkeit dar: Man sei einerseits der Erde viel näher, wenn man barfuß gehe und könne andererseits auch andere nicht verletzten, wie etwa, wenn man Stiefel trage! Danach trug Kunze seinen Zuhörern seine Übersetzung vor und zeigte dabei seine Schwierigkeiten auf, für das Knarren von Laubfröschen, das im Tschechischen lautmalerisch wiedergegeben war, eine deutsche Entsprechung zu finden. Die Beschreibung seiner Bemühungen und seine Entscheidung, schließlich mit dem Vokal ³au³ im Laubfrosch anstelle des Knarrens eine Schmerzsilbe zu häufen - dabei ist zu berücksichtigen, dass Jan Skácel von 1968 bis zu seinem Tod in der ehemaligen CSSR verboten war -, war schlichtweg fesselnd. Kunze stellt an die Dichtung der heutigen Zeit, in der ein Facharbeiter auch mit Bruchteilen von Millimetern arbeiten müsse, die Forderung, dass sie ebenso genau  sein müsse, und das konnte er anhand des vorgeführten Übersetzungsprozesses überzeugend nachweisen.

   Im zweiten Teil seiner Lesung trug Kunze nur einige wenige Texte und Gedichte vor, deren Auswahl aber genau auf seine Zuhörerschaft in der Schule zugeschnitten war. So sprach er z. B. mit seinem Text ³ Das weiße Gedicht³ die häufig gestellte Frage an, ob ein Gedicht denn falsch interpretiert werden könne. Da ³im Weiß [...] alle Farben des Regenbogenfarben gebündelt³ sind, wird durch dieses Bild das Spannungsverhältnis von Aussageabsicht und Rezeption verdeutlicht, das so weit geht, dass  ein dunkel gestimmter Leser eben die ³Schwarztöne herausspürt³, während ein verliebtes Mädchen, das ³also lila gestimmt ist, dieses Gedicht als lila empfinde(t)³,und darum auch kein falsches Poesieverständnis habe. Die verschiedenen Vorstellungen von Liebe stellte Kunze dann in zwei Gedichten zu diesem Thema einander gegenüber: Im ersten, das Kunze im Alter der Schüler/innen geschrieben hat, als er noch ³größenwahnsinnig³ gewesen sei, stellt er die Liebe Raum ergreifend dar, im anderen, 30 Jahre später seiner Frau gewidmeten, erscheint sie in der Metapher des sinngebenden Kommas. Auch die anderen vorgetragenen Gedichte, die z. B. von Kindererziehung und Charakterbildung handelten, holten die Zuhörer/innen in ihrer Situation ab, zumal sie Kunze auch noch mit autobiographischen Hintergrund anreicherte.
    Der letzte Teil der Veranstaltung war dann dem Gespräch gewidmet, das sich auf der Grundlage von Zuhörerfragen um sein Werk ³Die wunderbaren Jahre³, um den Verlust von Heimat durch die Ausbürgerung aus der ehemaligen DDR, um die Möglichkeit durch Dichtung in der Welt heimischer zu werden und um seinen Umgang mit seinem Ruhm drehte.
   Zur Wirkung der ³Wunderbaren Jahre³ und seiner Situation, als er das Werk schrieb, das zu seiner Ausbürgerung  führte, legte Kunze dar, dass die Begegnung mit vielen jungen Menschen der DDR, die Probleme mit ihrem Staat hatten, ihn sehr belastet habe, dass aber Hass keine Rolle dabei gespielt habe. Im Übrigen hätten sich später im Westen sowohl junge wie ältere Menschen genauso damit identifiziert, aber eine solche Wirkung könne man nicht wollen. Einfälle könne man nicht herbeidenken, sie entstünden unbewusst durch die Bewältigung innerer Vorgänge.  Er habe damals eine belastende Situation durch Schreiben  bewältigen können.
   Zur Frage nach seiner Entwurzelung aus der Heimat stellte Kunze heraus, dass viele Menschen ihre Heimat, d. h. die Gegend, in der sie aufgewachsen seien, verlassen müssten, dass man sich aber eine neue Heimat ³anleben³ könne. Für ihn sei Heimat in erster Linie dort, wo sich seine Frau aufhalte, eine zweite Heimat könne man allgemein dort finden, wo es einen  Menschen gebe, bei dem man sich zu Hause fühle; die Politik spiele dabei keine Rolle. Ein politisches Regime könne einem aber sehr wohl die Heimat ³unlebbar³ machen, wenn etwa ö wie bei ihm - der Staatssicherheitsdienst der DDR 10 000 Blatt über einen angelegt habe, wobei angebliche Freunde tatkräftig beteiligt gewesen seien. Solchen Leuten möchte er nicht mehr ständig begegnen, zumal sie, wie er am Beispiel eines systematisch gestörten Rundfunkinterviews, das im letzten Jahr im MDR gesendet wurde, darstellte, heute schon wieder in Amt und Würden seien. Wenn sich aber das kleinste Bedauern zeige, könne er wieder mit ihnen zusammen leben.
   Der Punkt, ob Dichtung die Welt für uns Menschen heimischer machen könne, ergänzte seine Ausführungen zum Begriff ³Heimat³. Kunze wäre glücklich, wenn Dichtung diese Wirkung hätte, man dürfe aber auch nicht ³uns Menschen³ sagen, weil es immer nur einige wenige seien, für die Dichtung ein Zuwachs an Sein darstelle. Gedichte veränderten die Welt allein schon dadurch, dass sie existierten; der Mensch brauche das Schöne zum Leben wie Wasser und Brot.
   Wie er mit seinem Ruhm umgehe, beantwortete Kunze sehr bescheiden und sehr konkret, indem er deutlich machte, dass er trotz der hohen Auflagen seiner Bücher (³Zimmerlautstärke³ hat z. B. schon die 130. Auflage erreicht) nicht von seinen Büchern leben könne und z. B. auf Lesereisen und Preisgelder angewiesen sei. Große Dankbarkeit zollte der Autor dem S. Fischer Verlag, der seine Bücher seit  30 Jahren  sehr schön gestaltet herausgebe, obwohl er selbst sich nie vom Markt bei seinem Schreiben beeinflussen lasse, ein Verlag aber nicht so tun könne, als ob es den Markt nicht gebe.
   Reiner Kunze strahlte in seinem gesamten Auftreten eine so große Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft aus, dass er seine jungen Zuhörer eineinhalb Stunden lang in Bann schlug und von Langeweile keine Rede sein konnte. Diese Lesung hat dem Schulalltag ein Glanzlicht aufgesetzt!
   Wir danken Herrn Pfarrer Milstein aus Rahden, der uns diese Lesung vermittelt hat, und der Buchhandlung Lienstädt und Schürmann in Espelkamp, die sie mit finanziert hat.

Inge Räber