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14.03.18

Von Shanghai nach Espelkamp

Austausch: Jie Huang (17) schreibt Buch über ihre Erfahrungen in Deutschland. Die junge Chinesin entschloss sich, für ihr Abitur und Studium in die Bundesrepublik zu gehen.


Kulturschock, so lässt sich die erste Reaktion von Jie Huang (17), gebürtig aus Nanjing in der Nähe von Shanghai, beschreiben, als sie im Jahr 2016 als Austauschschülerin nach Deutschland kam. "Es war schon eine Umstellung für mich, von Hongkong und Shanghai plötzlich nach Espelkamp zu kommen", erzählt Jie. 

Ihre Eindrücke, Gefühle und Erfahrungen der Unterschiede zwischen China und Deutschland schreibt sie jetzt in einem Buch nieder. Angefangen hat sie bei ihrer Reise nach Deutschland. Bis zu ihrem planmäßigen Abitur will sie das Buch weiterführen. 

Im Jahr 2015 traf die damals 15-jährige die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen. Mit zehn Jahren war sie schon einmal in Deutschland. Jie hat eine Begabung für Kalligrafie. Da die Kunst des Schreibens Teil der chinesischen Tradition, wurde sie damals im Rahmen eines Partnerschaftsprojekts ausgewählt, mit nach Deutschland zu reisen. Ihre Mutter begleitete sie. Zusammen besuchten die beiden Städte wie Heidelberg und Hamburg. 

"Schon damals hat mir Deutschland sehr gut gefallen. In China ist die Schule sehr anspruchsvoll. Es gibt nur Gymnasien. Bis zur zehnten Klasse gehen alle zur gleichen Schule. Danach entscheidet der Notenspiegel, wie es für den Schüler weitergeht. Gute Schüler dürfen weiter das Gymnasium besuchen und haben die Aussicht auf ein Studium und einen gut bezahlten Beruf."

In China gibt es kein Fächerwahlsystem wie an deutschen Schulen. Chinesisch, Mathe und Englisch sind Pflicht. Sämtliche Prüfungen werden schriftlich absolviert. Wählen kann man nur, ob man einen naturwissenschaftlichen oder einen gesellschaftswissenschaftlichen Schwerpunkt setzen will. Wer nach der zehnten Klasse nicht weiter zur Schule geht, macht eine Ausbildung.

Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, nach Deutschland zu gehen

Als sie die zehnte Klasse abgeschlossen hatte, rieten ihr ihre Eltern, ins Ausland zu gehen, um dort das Abitur zu machen und zu studieren. "Viele Chinesen machen das so, um dem harten Schulsystem zu entgehen." Besonders beliebt ist es, eine internationale Schule zu besuchen und danach in Australien zu studieren. Diesen Weg solle Jie auch gehen, schlugen ihre Eltern vor. Doch sie wollte das nicht. "In Australien sind viel zu viele Chinesen, das ist schon gar kein Ausland mehr", sagt Jie. Die 17-Jährige hatte sich in den Kopf gesetzt, nach Deutschland zu gehen. 

Um hierherzukommen. suchte sich Jie eine Vermittlungsagentur. Diese regelte dann den Austausch. Am 6. August 2016 war es so weit. Sie wurde an eine Sprachschule in Leipzig vermittelt, um dort ihre Deutsch-Kenntnisse zu verbessern. Die 17-Jährige kam zur gleichen Zeit in Deutschland an wie viele Flüchtlinge. Sie habe engen Kontakt mit den Flüchtlingen gehabt. "Die sind einfach nett", so Jie. Viele seien sehr klug und lernten schnell, diese Erfahrung hat sie beim gemeinsamen Deutschlernen gemacht.

Im September ging es für Jie zunächst auf ein Internat im Ruhrgebiet. Sie war dort die Jüngste unter den übrigen chinesischen Schülern. Viele machen ihr Abitur in Deutschland mit zwanzig. Dass Jie dies noch so jung war, machte die anderen eifersüchtig und führte zu Konflikten.

So entschloss sich die 17-Jährige, die Schule zu wechseln, obwohl sie im Internat bereits einige Freunde gefunden hatte. In ihrem Buch geht es auch um den Abschied und den Schritt ins Ungewisse, an eine neue Schule wie das Söderblom-Gymnasium in Espelkamp.

Mittlerweile wohnt sie im Ludwig-Steil-Hof-Internat und ist jede zweite Woche bei ihrer Gastfamilie zu Besuch. Dort hat sie auch ihre Kontaktperson und Ansprechpartner. In den Ferien fliegt sie zu ihrer Familie nach China. "Darauf freue ich mich immer", sagt Jie. In der Zwischenzeit hält sie engen Kontakt über "Wechat", die chinesische Kombination aus den sozialen Medien Instagram und WhatsApp. "Die Zeitverschiebung von sieben Stunden ist da aber schon manchmal hinderlich", sagt die 17-Jährige.

Am liebsten würde sie als Zahnärztin in Hongkong arbeiten

Wenn man sie fragt, was die größten Unterschiede sind zwischen China und Deutschland, muss Jie nicht lange überlegen: "Zum einen das Schulsystem. Zum anderen die Menschen. In China wird Höflichkeit ganz groß geschrieben. Man sagt nicht immer gleich, was man wirklich denkt, das ist in Deutschland anders. Außerdem gibt es in Deutschland so viele Regeln und so viel Bürokratie, das ist in China ganz anders", erzählt die Chinesin. Auch der Wert einer Ausbildung sei in Deutschland ein anderer. Hier werde eine Ausbildung genauso geschätzt wie ein Studium, für Chinesen habe nur ein Studium wirklich Gewicht. Das sei für ihr kommunistisches Heimatland typisch.

"Wenn ich mit Menschen spreche, die Vorurteile gegenüber China haben, sage ich immer, sie sollen doch selber einmal nach China reisen und sich ein eigenes Bild machen", sagt Jie energisch.

Für viele Deutsche sei China einfach ein großes Mysterium. Sich selbst hat die junge Chinesin hohe Ziele gesetzt: Sie träumt von einem Medizinstudium, am liebsten in Hamburg oder Berlin. Sie möchte Zahnärztin werden. Nach dem Studium möchte sie wieder nach China zurück: "Am liebsten würde ich dann als Zahnärztin in Hongkong arbeiten."

© 2018 Neue Westfälische, Mittwoch 14. März 2018


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