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07.02.20

Söderblom-Laienspielkurs führt Amokdrama auf

Das neue Stück „Endstation“ hat am Wochenende Premiere gehabt. Darin geht es darum, was passiert, „wenn Schule zum Tatort wird“.


Lehrer Becker (Mitte, stehend, Emanuel de Souza Leal) scheint alles im Griff zu haben. Einige Schüler aber haben bei ihm schlechte Karten. Foto: Cornelia Müller

Leicht gemacht haben es sich die Schüler vom Laienspielkurs des Söderblom-Gymnasiums mit ihrem neuen Stück nicht. Sich selbst nicht und auch den Zuschauern nicht. Denn „Endstation“, das am Wochenende Premiere hatte, war alles andere als eine locker-flockige Komödie. Kein buntes Schauspiel, das die Fantasie auf Reisen gehen lässt. Sondern ein Lehrstück zum Thema Mobbing und seine katastrophalen Folgen.

In Absprache mit ihrer Lehrerin Bärbel Brandt, die die Gesamtleitung hatte, hatten die Schüler das Stück selbst ausgewählt, „weil über dieses Thema immer noch viel zu wenig gesprochen wird“, erläutert Jette Bösch (Kostüme und Maske), obwohl so etwas tagtäglich passiere.

Das mussten auch schon einige der Mitwirkenden erleben, wie Regieassistentin Aysu Agirtmac freimütig zugibt: „Vor einigen Jahren bin ich neu in eine Klasse gekommen und erst einmal eine Außenseiterin geblieben. Ich habe mich sehr zurückgezogen, fühlte mich innerlich zerrissen. Besser wurde es erst, als noch zwei weitere Schüler in die Klasse kamen, mit denen ich mich angefreundet habe – dann haben mich auch die anderen akzeptiert.“

Spirale seelischer und körperlicher Gewalt dreht sich weiter

Bei Kai (Aaron Kracht), Stefan (Philipp Peters) und Evi (Mareike van Assema/Marie Spreen), den Hauptfiguren im Stück, nimmt es leider kein so gutes Ende. Sie bleiben auch als Gruppe von den anderen ausgegrenzt, werden gedemütigt, gequält, geschlagen. Mindestens eine solche Begebenheit wird sogar mit dem Handy gefilmt und das Video dann ins Internet gestellt. Die Spirale der seelischen und körperlichen Gewalt dreht sich immer weiter. Bis Kai und Stefan es nicht mehr ertragen. Sie sehen nur einen Ausweg: sich an ihren Lehrern und Mitschülern zu rächen.

Wie konnte es so weit kommen? Einige mögliche Antworten gibt das Stück selbst: Weil Schüler im Elternhaus nicht den Rückhalt bekommen, den sie brauchen. Weil Anderssein für die Mitschüler ein Problem ist. Weil Lehrer bei der Vielzahl ihrer Schüler nicht jeden einzelnen im Blick haben können. Weil Schulpsychologen in der täglichen Routine den Blick dafür verlieren, dass es sich nicht mehr um „normales pubertäres Verhalten“ handelt. Aber das alles sind nur Puzzleteile des Gesamtbildes.

Unter Bärbel Brandts Regie und auch inhaltlich gut vorbereitet (unter anderem durch ein Interview mit dem Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer) spielen die Schüler ihre Rollen so intensiv, dass sie die Zuschauer mitnehmen in das Geflecht von Tätern und Opfern, Schuld und Verantwortung. Vor allem die Szene, in der die Gewalt eskaliert, entwickelt eine geradezu schockierende Wirkung – spätestens jetzt kann sich niemand mehr der Frage nach dem „Warum“ entziehen.

Die gut ausgesuchte, von der zehnköpfigen Band unter Leitung von Henrik Langelahn gespielte Musik, verstärkt den unter die Haut gehenden Effekt noch.

Der Laienspielkurs des Söderblom-Gymnasiums macht so für die Schüler, Eltern, Lehrer und sonstigen Zuschauer im Publikum erlebbar, was Mobbing bedeutet und wie sich Ausgeliefertsein anfühlt. Das geht über eine Sensibilisierung für das Thema, wie sie selbst eine noch so gut geplante Unterrichtseinheit oder Diskussionsveranstaltung bieten kann, weit hinaus.