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19.01.10

Potzlow kann überall sein

Beeindruckende Ausstellung des Laienspielkurses zum Thema Jugendgewalt


Ihnen wurde gedankt: Detlef Kaiser stand mit Rat und Tat zur Seite , Angela Wlecke war zuständig für das Bedrucken der Leinwände und Selina Halford zuständig für die Videoaufnahmen. FOTO: DAJANA PÜRSTEN

Espelkamp. Der Laienspielkurs der Stufe 13 des Söderblom-Gymnasiums präsentierte eine Ausstellung zum Thema Jugendgewalt. Betroffenheit, Begeisterung und Schock – diese Emotionen standen jedem Besucher eine zeitlang ins Gesicht geschrieben. „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ lautet die Aussage der Ausstellung. Die Frage, ob unsere Gesellschaft abgestumpft ist, sollte jeden zum Nachdenken anregen.

Für die Ausstellung war in erster Linie die Management-Gruppe des Laienspielkurses zuständig, die sich über das Stück „Der Kick“ von Andreas Veiel hinaus weiter mit dem Thema Jugendgewalt beschäftigte. Rund ein Jahr benötigten die Schüler, um dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Das lag zum einen an den gesammelten Fakten und den geführten Interviews, aber vor allem an den vielen Details, die eingefädelt wurden.

Sehr dankbar waren sie aus diesem Grund ihrem Geschichtslehrer Detlef Kaiser, der beim Forschen eine große Hilfe war. „Er stand uns mit Rat und Tat zur Seite“ hieß es von Seiten der Management-Gruppe.

Der Abend wurde von Andreas Ferling und Daniela Geene durch musikalische Darbietungen untermalt. Mit Keyboard und Gitarre gaben sie Musikstücke zum Besten, die extra für das Theaterstück „Der Kick“ entstanden sind. Vor der Führung durch die Ausstellung waren die Anwesenden sehr gespannt, was sie erwarten würde. Den Geschichtsraum hatten die Schüler zum Zweck ihrer Ausstellung umfunktioniert, und so erblickten die Besucher anstatt eines Klassenraumes Leinwände mit Fakten, Statistiken und Beispielen für grausame Gewalttaten.

Großes Staunen gab es hinsichtlich des kleinen Kinosaals, den die Jugendlichen in einer Ecke des Raumes hergerichtet hatten. Hier wurden Interviews mit Klaus Hurrelmann, Professor für Soziologie an der Hertie School of Governance in Berlin, Wilhelm Heitmeyer, Professor für Pädagogik an der Universität Bielefeld, und mit Alwin Barg, Mitarbeitet einer Maßregelvollzugsanstalt, geführt.

In den Interviews hinterfragten die Schüler Themen wie die Ursachen für Gewalttaten, Täter- und Ofperprofile und den Einfluss der Medien auf die Gewaltbereitschaft Jugendlicher. Hierbei legten die Schüler des Laienspielkurses besonderes Augenmerk auf die Möglichkeiten der Schulen im Bereich der Vorsorge. Während der Besichtigung standen die Schülerinnen der Management-Gruppe jederzeit für Fragen zur Verfügung.

Vor dem Ausstellungsraum befand sich ein Bildschirm, auf dem der Trailer zum aktuellen Stück „Der Kick“ lief. Das Theaterstück behandelt die Ermordung des 16-jährigen Marinus Schöberl aus Potzlow durch einen „Bordsteinkick“. Durch diese grausame Methode entstehen Parallelen zum Film „American History X“,aus dem einige Ausschnitte in der Ausstellung gezeigt wurden. Es ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. Interessant war auch die Tatsache, dass sich die Mörder von Marinus Schöberl den Film „American History X“ nur zwei Wochen vor der Tat angeschaut hatten.

An einer Wand wurden Statistiken und aktuelle Fälle aufgelistet. Die Statistiken beruhten auf Umfragen, die die Schüler an der Hauptschule Lübbecke, an der Birger-Forell-Realschule und am Söderblom-Gymnasium durchführten. Eine Frage lautete „Hast du schon einmal eigene Erfahrungen mit Gewalt gemacht?“ An den Schulen antworteten rund 60 Prozent mit Ja.

Bei der Frage, welche Faktoren eine Rolle spielen könnten, stand mangelnde Aufmerksamkeit an erster Stelle, gefolgt von „eigene Gewalterfahrung“ und „familiäre Probleme“.

Der stellvertretende Schulleiter Brandt freute sich über das große Engagement der Schüler und zeigte sich großzügig, indem das gesammelte Material auch anderen Schulen zur Verfügung gestellt werden kann.

Großer Dank galt auch Bärbel Brandt und Andreas Ferling, die für die Leitung des Laienspiels zuständig sind. Zum Abschluss wünschte Brandt allen „viel Betroffenheit, wenn sie das Stück besuchen“.

„Potzlow ist überall.“ So lautet die Parole der Management-Gruppe, und in diesem Zusammenhang sprachen sie die Schulen und Lehrer an, die kontaktfähiger werden müssten. Schulen seien verbesserungswürdig, denn teilweise bestehe zu hoher Leistungsdruck, und wie sollten Schüler ohne Freizeit ihre Persönlichkeit stärken? Die Schülerinnen forderten demnach mehr Unterstützung – denn Potzlow könne überall sein. „Täter werden nicht als Täter geboren, sondern zu Tätern gemacht“, und dazu trage jeder einzelne bei.

Eine Einladung zur Ausstellungseröffnung erhielt auch Siegmar Wendt, der sich noch gut an den schrecklichen Mord erinnern kann – er stammt gebürtig aus Potzlow. Zwar kannte er weder Opfer noch Täter persönlich, doch weiß er, dass Marinus oft alleine war.

Wendt legte seine Sicht der damaligen Geschehnisse dar und merkte an, dass sich das Dorf noch heute die Frage stelle, wie diese schreckliche Tat geschehen konnte. Wendt hält es für richtig, dass sich die Schüler mit diesem Thema auseinandersetzen und hofft, dass so junge und alte Menschen ins Gespräch kommen.

© 2010 Neue Westfälische
Zeitung für den Altkreis Lübbecke, Dienstag 19. Januar 2010


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