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29.01.18

»Linie 1« hält an der Station Söderblom

Wer mit der Deutschen Bahn von Espelkamp nach Berlin fahren will, muss dafür ohne Sparpreis etwa 95 Euro und knapp vier Stunden Fahrt einplanen.


Premiere

Als Besucher der »Linie 1« geht das günstiger und schneller. Das gleichnamige Musical hat am Freitag am Söderblom-Gymnasium Premiere gefeiert und die Zuschauer in die Hauptstadt mitgenommen.

Genauer gesagt geht es um das West-Berlin in den 1980-er Jahren und damit um einen Ort der absoluten Gegensätze. Unendliche Möglichkeiten treffen auf deutsch-deutsche Grenze. Der Glanz um Musiker wie David Bowie prallt auf blutende Junkies in der Gosse. Und zwischen diesen beiden Polen fährt die »Linie 1«.

Der »Märchenprinz«

Das diesjährige Stück des Laienspielkurses des Söderblom-Gymnasiums erzählt die Geschichte einer jungen Frau (in der Premiere gespielt von Lena Marie Steinkamp). Naiv kommt sie vom Land nach Berlin. Dabei hat sie nicht mehr als einen kleinen Rucksack, ihren Teddybären und das Foto ihres »Märchenprinzen« dabei. Johnny nennt sich der junge Musiker, von dem sie ein Kind erwartet. Und so begibt sie sich auf eine Suche in der Berliner U-Bahn-Welt.

Ein Funkeln ist in ihren Augen. »Wahnsinn, das isse, die Berliner Luft«, singt sie freudestrahlend. Berlin – das sind eben auch bunte Farben, Straßenmusiker, junge Leute, Individualisten und unendliche Träume. Davon gibt es auch in der »Linie 1« ganz viel.

Bühnenbild

Kostüme und Bühnenbild lassen eintauchen in ein längst vergangenes Jahrzehnt, als Schulterpolster modern waren, Trainingsanzüge in Neon erstrahlten und im Kino »Dirty Dancing« lief.

Doch all das kann nicht über die hässlichen Seiten hinwegtäuschen. Das merkt auch die junge Frau ganz schnell. Unzählige Penner, Junkies und verrückte Gestalten – später kullern die ersten Tränen über ihr Gesicht. Und immer stärker wird in ihr die Erkenntnis, dass Berlin eben nicht nur schön und der Geliebte ein Lügner ist. »Die Wirklichkeit ist meistens eine Enttäuschung«, heißt es irgendwann im Stück.

Wie immer wären einzelne Leistungen hervorzuheben, so zum Beispiel Lena Marie Steinkamp. Unglaublich nahbar und authentisch spielt sie die Hauptrolle. Sympathisch und urkomisch kommen derweil Jona Fehmer und Kevin Radtke in den Rollen der beiden Berliner Originale Bambi und Kleister daher. Aufgeblasen wie ihr Pelzmantel ist Kim Lea Hoffmann in der Rolle der arroganten Maklerin.

Gemeinschaftswerk

Doch vielmehr muss »Linie 1« als großes Gemeinschaftswerk verstanden werden. Die Schauspieler und die unzähligen Menschen hinter den Kulissen haben unter der Leitung von Janina Stünkel und Bärbel Brandt ein »hochprofessionelles Stück« auf die Beine gestellt, wie Schulleiter Ernst-Friedrich Brandt es in seiner Begrüßung versprochen hatte.

»Linie 1« zählt zu den meistgespielten Stücken in Deutschland. Das dürfte an der Mischung aus Witz, Musik und teils hochpolitischen Inhalten liegen. Trotz seiner drei Jahrzehnte ist das Stück (leider) hochaktuell. Wenn die Ewiggestrigen in der U-Bahn über »die Kanaken« schimpfen und vom »Untergang des deutschen Volkes« sprechen, kennt man das auch 2018 nur zu gut.

Klamauk

»Linie 1« ist viel Klamauk, aber eben auch deutlich mehr. Drei weitere Aufführungen folgen am kommenden Wochenende. Freitag und Samstag beginnt es um 19.30 Uhr und am Sonntag um 18 Uhr. Letzte Karten gibt es an der Abendkasse. Empfehlenswert ist das Stück der Söderblomer auf jeden Fall: so bunt, so frisch und doch so ernst.

Espelkamper Zeitung vom 29. Januar 2018


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