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29.04.19

„Flüchtling will man nicht sein“

Schicksal: Der 28-jährige Syrer Hamed Alhamed berichtete Schülern des Söderblom-Gymnasiums von seiner Flucht und welche Rätsel ihm die deutsche Kultur und Sprache aufgeben


Berührte: Hamed Alhamed bei seinem Vortrag „Syrien, Menschen, Schicksale“ im Söderblom- Gymnasium. Foto: Janine Küchhold

„Flüchtling zu sein, ist keine freie Entscheidung, man will das nicht sein. Man wird dazu gezwungen.“ Hamed Alhamed ist 28, kommt aus der syrischen Stadt Deir ez-Zor und lebt seit 2015 in Ennigerloh. Über die Balkanroute ist er mit seinem Bruder Ahmed nach Deutschland geflohen. Seit zwei Jahren reist er durch Deutschland und erzählt von seiner Geschichte. In Espelkamp hat er auch das Söderblom-Gymnasium besucht. Nach dem multimedialen Vortrag blieb bei den Schülern zurück: Bewunderung für den 28-Jährigen, weil er so offen über sein Schicksal berichtete, aber auch Fassungslosigkeit über die Grausamkeiten, die er genau wie Millionen anderer Menschen aus Syrien erleben mussten.

Dass Alhamed in Deutschland als Mediengestalter arbeitet, war der Präsentation deutlich anzumerken. Viele Bilder, Grafiken und Videos kamen zum Einsatz, die seine Schilderungen verdeutlichten. Gleich zu Beginn seines Vortrages zeigte er ein kurzes Video aus der Zeit vor dem syrischen Bürgerkrieg. Darin zu sehen: seine Freunde, Familie, Menschen aller Altersgruppen feiern gemeinsam, sind ausgelassen und fröhlich. Dies, berichtet Alhamed, sei früher ein typisches Bild in Syrien gewesen. Die Menschen seien gesellig und für sie seien die Familie und die Freunde und das Zusammensein mit ihnen das Wichtigste gewesen.

Auch sonst zeichnet er ein positives Bild von seinem Herkunftsland: Die medizinische Versorgungwargut, esgabfreie Bildung für alle, viele Universitäten, eine leistungsfähige Wirtschaft – insgesamt also ein hoch entwickeltes Land. Etwas Besonderes sei für ihn vor allem das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Religionen gewesen. Christen und Muslime besuchten sich in ihren Moscheen und Kirchen, konnten unkompliziert untereinander Heiraten. Ramadan, das Zuckerfest und Weihnachten wurden zusammen gefeiert. Weihnachten ist in Syrien sogar ein gesetzlicher Feiertag. „Unser Leben war gut. Wir hatten alles was wir brauchten“, resümiert er.

„Was wir in Syrien hingegen nicht hatten, war das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demokratie.“ Das sei es gewesen, was auch ihn und seine Freunde, genau wie viele Tausend Menschen zum Demonstrieren gebracht habe. Dass die Regierung das Militär auf sie hetzt, dass bei friedlichen Protesten so viele Menschen getötet und verletzt würden, damit hätten sie nicht gerechnet, sagt Alhamed. „Am Anfang hatten wir die Hoffnung, dass sich für uns etwas verbessert.“ Die Situation eskalierte aber. Das syrische Militär fing an, seine eigene Bevölkerung zu bombardieren. „Nirgends waren wir mehr sicher“, so Alhamed weiter. „Wir waren schockiert über das Ausmaß der Zerstörung und hatten nur noch Angst.“

Aus dem anfänglichen Wunsch nach mehr Demokratie entwickelte sich ein blutiger Konflikt. Mit einer Grafik stellt Alhamed die kriegerischen Auseinandersetzungen dar. Die Grafik ist vor allem eines: unübersichtlich, aber damit trifft er die Lage in Syrien sehr genau. Assads Truppen, die Freie Syrische Armee, IS, Al-Nusra-Front, YPG, weitere rund 1.200 militante Gruppen und ausländische Kräfte kämpfen in Syrien um die Vorherrschaft.

Bei seinen Ausführungen zeigt er ein Bild. Darauf sind sechs Jugendliche zu sehen, Alhamed ist einer von ihnen. „Das sind meine besten Freunde. Von den Leuten auf dem Bild bin ich der Einzige, der noch am Leben ist.“

Besonders wütend mache ihn die Zerstörungswut. Kirchen, Moscheen, historische Bauwerke wie die armenische Völkermord-Gedächtniskirche sind dem Islamischen Staat zumOpfer gefallen. „Der IS gehört nicht zum Islam. Das hat nichts mit Religion zu tun, mit keiner Religion.“

Die Situation in Syrien habe sich für ihn und seine Familie zunehmend verschlechtert „Ich habe meine Freunde verloren, meine Heimat, meine Zukunft. Trotzdem habe ich gelacht, weil ich überlebt habe.“ Unddann stellen die Menschen fest: Wir sterben langsam, weil es keine medizinische Versorgung gibt, kein Wasser, keinen Strom und immer wieder Angriffe. Nie habe er für möglich gehalten, dass so etwas in einem so reichen Land passieren könne. „Wir wollten einfach weg, egal wohin.“ In so einer Situation denke man nicht mehr daran, sein letztes Abschlusszeugnis oder seine Papiere mitzunehmen: „Es ging ums Überleben.“

Familien, die das Geld für eine Flucht nicht aufbringen konnten, mussten in Syrien bleiben. In seiner Familie hat das Geld, rund 7.000 Euro, nur für ihn und seinen Bruder gereicht.„ Wirhabengehofft, dass wir unsere Familie irgendwann nachholen können.“ Vor vier Jahren habe er sie das letzte Mal gesehen. Nur per Internet könne der Kontakt noch aufrechterhalten werden.

Seit 2015 lebt Alhamed in Deutschland. Inzwischen macht er eine Ausbildung zum Mediengestalter.Umeinen Beruf in Deutschland ausüben zu können, muss er mindestens das Sprachniveau B2 nachweisen können. „Ihr seht, als Flüchtling in Deutschland hat man viel zu tun.“ Die deutsche Kultur, allen voran die Sprache gebe ihm manchmal Rätsel auf. „Im Supermarkt hat mal jemand zu mir gesagt: ,Ey Alter, was geht?‘ Hab ich nicht verstanden. Ich dachte nur: Ist ,Alter‘ jetzt Akkusativ?“

Da er vorher in einer Stadt mit rund 300.000 Einwohnern gelebt hat, seiihmdie Eingewöhnung in einem Ort mit 20.000 Einwohnern nicht ganz leicht gefallen. Was es ihm aber leichter mache ist, dass er immer wieder sehr netteund gastfreundliche Menschen treffe. Nach Syrien zurückzukehren sei für ihn keine Option. Inzwischen habe Assad ein Gesetz erlassen, mit dem er im Ausland lebende Syrer enteignen kann, sollten sie nicht innerhalb einer bestimmten Frist zurückkehren. Zugleich bedrohe das syrische Militär geflüchtete Syrer. „Wir werden euch nie verzeihen“, hieße es seitens der Militärführung.

Mit seinen Vorträgen möchte er um Verständnis für die Situation von Syrern werben. Vor allem aber möchte er helfen, „Mauern zwischen Geflüchteten wie ihm und Einheimischen zu überwinden und Freunde zu finden“. Im nächsten Jahr muss Alhamed seine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen. Was denn geschehe, wenn die nicht verlängert werde, wollte eine Schülerin von ihm wissen. Alhameds Antwort: „Ich muss zurück nach Syrien.“

Der Artikel ist in der NW vom 29.04.2019 nachzulesen.


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NW-2019-04-29.pdf336 K